Freitag, 1. August 2008

Den Kreislauf durchbrechen

Eines der bekanntesten und grössten Gesundheitsrisiken für Frauen und Kinder in der ganzen Welt ist die Häusliche und/oder Sexuelle Gewalt in ihren verschiedenen Formen. Die Lebensqualität wird allmählich beeinträchtigt und sofern der Kreislauf der Gewalt nicht schon früh durchbrochen wird, kann dies verheerenden Folgen mit sich bringen.

In unserer täglichen Arbeit in der Opferberatungsstelle werden wir von direkten und indirekten Opfer kontaktiert. Unsere Dienstleistung ist kostenlos, vertraulich (wir stehen unter Schweigepflicht) und wir arbeiten parteilich. Diese Eigenschaft der Beratung spricht viele Betroffene an, besonders diejenigen, die angewiesen sind auf unbürokratischen und schnellen Schutz und Hilfe. Hauptsächlich bei der Krisenintervention ist dies festzustellen. Schutz und Sicherheit müssen so schnell wie möglich gewährleistet sein. Die direkte Arbeit mit der Polizei führt uns zu vielen von Häuslicher und/oder Sexuelle Gewalt betroffenen Frauen und Kindern.

Qualität der Hilfestellung

Im Verlauf der Jahre haben wir festgestellt, dass die Straftaten auf die verschiedenen Lebensbereiche unser Klientinnen immer mehr Auswirkungen haben. Viele unserer Klientinnen verlieren ihren Arbeitsplatz und/oder ihre Wohnung oder werden dort von den Tätern weiterhin belästigt. Andere werden in psychiatrische Obhut gegeben. Die finanzielle Verschuldung ist auch ein sehr häufiges Thema. Die Folgekonsequenzen können in der Beratung, wenn möglich, abgewendet werden.

Off wenden sich Frauen, die von Häuslicher Gewalt betroffen sind, zuerst an die medizinische Notfallstation ( Permanence, usw.), die Hausärztin oder die Kinderärztin wegen Verletzungen oder gesundheitlicher Beschwerden. Die Polizei, die Anwältinen, die Ärztinnen, der Dolmetscherdienst und die Psychotherapeutinnen sind unter anderen Kooperationspartnerinnen, die für die Qualität der Hilfestellung sehr viel beitragen können.

Die Beratung

Es freut uns zu beobachten, dass die Sensibilisierung grösser geworden ist. ArbeitgeberInnen rufen uns an und erkundigen sich über unser Angebot. Sie leiten unsere Adresse ihren Mitarbeiterinnen weiter. Einige junge Frauen, die Opfer von Sexueller Gewalt geworden sind, wurden von ihrem Bekanntenkreis auf uns aufmerksam gemacht.

Viele unsere Klientinnen wünschen zuerst eine telefonische Beratung. Dies ermöglicht eine anonym zu bleiben und ihre Lage besser einzuschätzen, um sich für die verschiedenen Lösungsmöglichkeiten zu entscheiden. Andere Frauen, die "klassichen Fälle" von Häuslicher Gewalt, wollen ihren Ehemann nicht verlassen. Hingegen möchten sie, dass die Gewalt gestoppt wird und glauben, dass, wenn eine Autoritätsperson mit dem Mann redet, alles wieder gut wird.

Die Kinder, die direkt und/oder indirekt von Häusliche Gewalt betroffen sind, sind uns sehr wichtig. Die Mutter schützen, bedeutet auch die Kinder einzubeziehen. Kinder erholen sich sehr schnell, was jedoch nicht bedeutet, dass die keine Therapie benötigen, um die traumatischen Erlebnisse zu verarbeiten.

Ein Fall mit wenigen Worten

Gewalt hat viele verschieden Maskierungen. Bei einer Klientin, die seit Jahren auf der Flucht ist, weil sie zu einer Zwangsheirat gezwungen wird, kommt es nach einer gewissen Zeit der Ruhe immer wieder zu neuen Drohungen. Mit der Folge, dass das mit grosser Mühe aufgebaute eigenständige Leben, wieder irgendwo an einem anderen Ort neu beginnen muss.

Die Gewalt hat bei ihr schon in den frühen Kindheit begonnen. Beschimpfungen, Entwertungen, Schläge gehörten zum Alltag. Die Alkoholsucht des Vaters erschwerte das Zusammenleben. In der Pubertät nahmen die ständigen Kontrollen der männlichen Familienmitglieder zu. Es eskalierte damit, dass häufig Morddrohungen ausgesprochen wurden. Nach dem Schulabschluss sollte sie einen Verwandten heiraten. Ihr Leidensdruck erhöhte sich durch diesen Zwang und Selbstmordgedanken traten auf. In der Notfallstation wurde die Familienproblematik benannt und somit bekannt. Das Gespräch mit den Fachpersonen stellte Ehrverletzung und Misshandlung fest. Die Behörde griff ein. Eine Fremdplatzierung fand statt. Die Verfolgung begann. Strafanzeige wurde erstattet. Ruhe. Neue Drohung. Umzug. Hoffnung. Das Leben begann wieder von vorne. Neue Drohung. Ohnmacht. Umzug. Die Energie wird wenig regeneriert. Selbstmordgedanken. Die Krisenintervention. Die Therapie. Etwas Lebensfreude allmählich zurück gewinnen. Eine neue Arbeit finden. Eine Ausbildung absolvieren. Das Leben in Ruhe leben wollen.

Die Beratung, Begleitung und eine gute Zusammenarbeit mit allen involvierten Stellen ist unerlässlich, damit diese Klientin so gut wie möglich langfristig das Lleben den Umständen entsprechend meistern kann.

Ein Wunsch

Gesetzliche Vorgabe sind extrem wichtig bei der Fallführung. Betreffend Zwangsheirat ist noch einiges zu tun. Zwangsheirat ist kein neues Phänomen. Die Schweiz selber war vor vielen Jahrzehnten davon betroffen. Der Diskurs um dieses Phänomen soll klar ohne ethnische, kulturelle, religiöse und geschlechtsbezogene Anknüpfung geführt werden. Es geht um Frauen und Männer, die gezwungen werden eine Person zu heiraten, die sie selber nicht auswählen durften. Es geht um Menschenrechtverletzung. Und es ist Pflicht des Staates, dies zu regeln. Meine persönliche Vision wäre, den Opfern von Zwangsheirat, internationales Asyl und finanzielle Unterstützung zu gewährleisten, damit sie das Leben irgendwo anders langfristig in Ruhe beginnen können. Es würde den Betroffenen mehr Spielraum geben. Sie sind nicht nur Opfer, sondern auch Akteure, die über verschiedenen eigene kreative Strategien verfügen, um die Gewalt, in welcher Form diese auch stattfinden mag, zu bekämpfen.

Rossimar Mätzler

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